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PROGRAMM 2021/2022
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Scharf beobachtete Züge

Jiri Menzel, CSZ, 1966, 92’
Drehbuch: Bohumil Hrabal,
nach einer Novelle von Hrabal
Kamera: Jaromir Sofr
Musik: Jiri Sust
Besetzung: Vaclav Neckar, Vladimir Valenta, Josef Somr, Jitka Bendova


Dieser Film handelt vordergründig vom Versuch eines Jünglings, seine Keuschheit zu verlieren. Der Jüngling, dem Aussehen nach noch fast ein Knabe, doch ins mannbare Alter gekommen, Lehrling auf einem Landbahnhof, auf dem der Bahnhofvorstand die Tauben füttert und ein biederer Ehemann ist, aber viel lieber wie der Stationsvorstand mit den Weiberchen schlafen möchte – dieser Jüngling aus der Provinzwelt, in dem die Menschen es ein bisschen wie die Hühner und der Gockel halten, hat ein Mädchen. Und das Mädchen möchte mit ihm schlafen. Als er aber mit dem Mädchen schlafen könnte, da kann er nicht. Und weil er nun glaubt, kein ganzer Mann zu sein, legt er sich in einem Stundenhotel nicht zu einem leichten Mädchen, sondern ins Bad und schneidet sich die Pulsadern auf. Er wird gerettet. An der «Ejaculatio praecox» leider er, meint der Arzt, und er empfiehlt dem Jüngling, bei einer erfahrenen Frau die Liebesanleitungen zu holen. Der junge Mann lebt dem Ratschlag nach. Weil der Jüngling von grosser Ungeduld ist, und weil man sich auf tschechischen Bahnhöfen sowenig wie bei der SBB auf Lateinkenntnisse versteht, erzählt er aller Welt, dass er an «Ejaculatio Praecox» leidet. Die Welt lächelt ein wenig, aber schliesslich wird dem Jüngling Hilfe zuteil. Eine junge, erfahrene Frau nimmt sich seiner auf dem Sofa des Bahnhofvorstandes an. Der Jüngling wird Mann.
Soweit die «eigentliche» Geschichte. Man hat sie, ähnlich herum, auch schon erzählt bekommen, in englischen und amerikanischen Filmen. Aber noch nie soherum. Denn die Erzählung spielt in einer Zeit, in die sie in ihrer Kleinkariertheit überhaupt nicht hineinzupassen scheint – in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Scharf beobachtet werden die Züge, die den Landbahnhof passieren, weil es Munitionszüge sind und SS-Leute mitfahren. Und scharf beobachtet werden die Züge, weil Partisanen ihre Anschläge auf sie verüben. So geschieht die kleine menschliche Geschichte des Jünglings in einer grossen unmenschlichen Zeit. Und gerade dieser Umstand gibt ihr das Besondere.
Die Banalität des Geschehens wird grossartig banal. Sie gewinnt durch die Steigerung an dem, was Menzel das Tragische nennt und was man vielleicht eher das Tragikomische nennen würde. Dass in der Welt des Landbahnhofs die Menschen in kleinsten Verhältnissen leben müssen und dass sie das Geschwätz des Kollaborateurs nicht kümmert und die Anwesenheit der deutschen Soldaten ebensowenig, das klagt die Kleibürgerwelt nicht an. Das sagt, wie der Mansch lebt – ganz unheroisch, auch in heroischenTagen, auch dort, wo er selber plötzlich «Held» sein kann.
Jiri Menzel, geboren 1937, war zur Zeit des Böhmischen Protektorats noch ein Kind und musste deshalb an Hand von Fotos und Wochenschauen die damalige Zeit aufarbeiten. Er hat es treffend verstanden, dem tierischen Ernst der Feinde ein Bein zu stellen, jede Ideologie durch Sinnesfreuden ad absurdum zu führen und das Heldentum respektlos vom Sockel zu stossen, einem «Schwejk» fast ebenbürtig.